Gibt es viele neugierige deutsche?

ad Veral: (…) Ich würde das doch ungern an der Nationalität festmachen wollen, sondern es differenzierter sehen. (…)

Ich stimme mit dir vollkommen überein. Das ist kein Problem der Nationalität. Ich halte es für ein gesellschaftliches Problem, das aber seltsamerweise irgendwie lokal konzentriert aufzutreten scheint. Leute, die in London an Sprachkursen teilnahmen, haben von derartigen Problemen nicht berichtet. Was mich erstaunt und auch erschreckt, ist die Tatsache, dass sich dieses Phänomen über so viele Jahre hinweg erstreckt, es wird also quasi von einer Generation zur anderen weitergegeben. Als ich 1986 in Eastbourne war, waren die Leute, die heute die jugendlichen Sprachschüler überfallen, noch gar nicht auf der Welt.

Ich hätte das Thema auch gar nicht im Detail angesprochen, hätte mich Jay nicht gebeten, zu sagen, was denn eigentlich passiert ist.

Auf keinen Fall möchte ich den Eindruck erwecken, als ob es ein Problem sei, dass ganz England bzw. alle Engländer betrifft. Selbstverständlich gibt es überall derart feigen Abschaum (ein anderer Begriff fällt mir zu diesen Leuten nicht ein), aber in den genannten Gegenden scheint es sich um ein strukturelles Problem zu handeln. Das sind keine Einzelfälle, sondern gut durchorganisierte Überfälle, die routinemäßig begangen werden.

Ich für meinen Teil habe lieber den Flug nach Kanada bezahlt, anstatt meinen Neffen einer solchen Situation auszusetzen. Garantien gibt es nirgendwo, aber man kann gewisse Risiken minimieren.

All das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in England als Ausländer sicher sehr viele positive Erfahrungen machen kann. Ich habe ja auch in all meinen Einträgen hier erwähnt, dass ich viele nette und aufgeschlossene Menschen kennen gelernt habe. Schließlich möchte ich auch nicht mit österreichischen kriminellen Elementen in einen Topf geworfen werden.

ad Jay: Ich bin froh, dass du siehst, dass es mir nicht darum geht, England insgesamt schlecht darzustellen. Ich habe lediglich versucht, auf deine Frage eine ehrliche Antwort zu geben. Und ich kann dir versichern, als ausländischer Teenager habe ich mich damals dort fast wie in einem Kriegsgebiet gefühlt. Du darfst dabei nicht vergessen, dass ich damals noch sehr jung und das meine erste Auslandsreise war. Ich fuhr voller freudiger Erwartung nach England und war auf diesen Hass, der mir von manchen entgegenschlug, einfach nicht vorbereitet. Heute könnte ich mit so einer Situation, so unangenehm sie auch ist, besser umgehen.

Ich glaube, dass die vielen Veranstalter solcher Sprachreisen in Österreich und Deutschland, die die Jugendlichen ohne jegliche Vorwarnung in diese Städte schicken, grob fahrlässig handeln. Sie sind natürlich nicht an solchen Informationen interessiert, weil das ihren geschäftlichen Interessen schadet.

Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt habe, ein ganzes Land auf Grund einiger Verbrecher in rhetorische Geiselhaft zu nehmen. Das war sicher nicht meine Absicht. Ich finde es einfach schade, dass solche Dinge noch immer passieren.

Dass sie mich nicht davon abhielten, mich der englischen Sprache weiterhin mit Begeisterung zu widmen, ist aber doch auch ein gutes Zeichen :slight_smile: Man sollte nicht stets in Vergangenem verharren und seinen Blick nach vorne richten.

ad Jay: Dein Deutsch ist übrigens phänomenal. Aber ich glaube, das habe ich dir ohnehin schon gesagt. Ich freue mich immer wieder, wenn ich mich mit Ausländern in meiner Muttersprache unterhalten kann. Wenn es auf einem derart hohen sprachlichen Niveau möglich ist, ist das natürlich ein besonderer Genuss. Hier bei lingq habe ich schon einige Mitglieder kennen gelernt, die ein unglaublich gutes Deutsch sprechen und schreiben. Es ist einfach schön zu wissen, dass sich so viele Menschen für Deutsch interessieren.

Ja, da stimme ich zu. Es ist schön zu sehen, dass es Deutschlernende gibt, die ein sehr hohes Niveau erreicht haben. Das ist ein Grund, warum ich auch gerne Lektionen für Mittelstufe und Fortgeschrittene mache, obwohl diese nicht so häufig studiert werden, wie die Anfängerlektionen. Ich freue mich einfach sehr, wenn ich sehe, dass es Menschen gibt, die gerne Deutsch lernen wollen und wenn ich sie dabei unterstützen kann.

Veral and lovelanguages - iht nutzt beide einen ähnlichen Ausdruck, den ich gerne hinterfragen möchte.

“wenn ich sie dabei unterstützen kann.”

“wenn ich mich mit Ausländern in meiner Muttersprache unterhalten kann.”

könnte man hier auch “kann” mit “darf” ersetzen? Wenn ja, welche Version wäre am eloquentesten?

Ich kenne jemanden, der öfters sagt “ich durfte dann das and das Projekt machen” er sagt da nie “kann” (in der Zusammenhang). Und ich frage mich, ob er versucht höflich zu sein oder ob es sogar falsche Bescheidenheit dahinter steckt. Was sagt ihr dazu?

ad Marianne10: (…) könnte man hier auch “kann” mit “darf” ersetzen? Wenn ja, welche Version wäre am eloquentesten? (…)

In den von dir genannten Beispielen würde ich persönlich “darf” nicht verwenden. Das käme mir etwas seltsam vor. “Dürfen” in diesem Sinne würde ich nur bei besonders höflich formulierten Hilfsangeboten verwenden. Wenn ich beispielsweise als Kellner in einem Restaurant arbeiten würde und einer Dame aus dem Mantel helfen möchte, dann würde ich sagen: “Darf ich Ihnen helfen?”. In diesem Fall wäre “Kann ich Ihnen helfen?” für mich nicht ausreichend höflich.

“wenn ich sie dabei unterstützen darf” - Dieser Satz klingt für mich nicht falsch, aber er ist ausgesprochen höflich, fast ein wenig demütig formuliert. Das mag unter gewissen Umständen bei Geschäftsverhandlungen im Gespräch mit einem Kunden angebracht sein, aber im allgemeinen Sprachgebrauch würde ich “kann” den Vorzug geben.

Kurz gesagt, für mich sind die Sätze, so wie sie von mir und Veral formuliert wurden, am natürlichsten. Ich hoffe, ich konnte dir mit dieser Information helfen.

@Robert + Vera

Danke für das Kompliment :wink:

Ich fürchte mein Deutsch ist noch lange nicht so gut wie euer Englisch! (Es kann allerdings sein, Deutsch ist ein kleines bisschen schwieriger als Englisch - vom Standpunkt eines Lernenden ausbetrachtet…!! :-D)

Lovelanguages - danke für die Aufklärung. Ich habe das Gefühl, dass der bekannte von mir eventuell recht exzentrisch ist.

Ich hatte die Gelegenheit meiner Freundin zu erzählen, was deutsche zu Ihrer Aussage meinte. Bezüglich des Vorurteils, sagte sie, dass sie auch ständig vorverurteilt in Deutschland wird, dass sie als Engländer in Schlange steht. Daher meine Frage, ist es nur ein Vorurteil wenn es negativ ist. Man hört ja oft Beispiele wie die Japaner sind immer so höflich oder stellt sich in Schlangen etc.

Ist es nur ein Vorurteil, wenn die Beobachtung negativ ist?

Ich meine durchaus es gibt innerhalb Bevölkerungen gewisse Eigenschaften, die wir positiv oder negativ empfangen können, die, wenn wir die mit unseren eigenen Erfahrungen und Grundlagen vergleichen, anders sind und deswegen bemerkt man das. Ich finde, dass sind keine Vorurteile, sondern eher eine aufmerksame Beobachtungsverhalten.

Das Wort Vorurteil hat schon einen negativen Beigeschmack, weil das Wort “Urteil” enthalten ist. Ein Urteil wird ja normalerweise gesprochen, wenn jemand vor Gericht steht. Bei einem Vorurteil verurteilt man jemanden, ohne ihn wirklich zu kennen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.

Ich würde eher von Klischees sprechen, also Bildern, die man von bestimmten Gruppen im Kopf hat. Diese muss nicht nur bestimmte Nationen betreffen, sondern es können kann auch Berufe, Städte, Altersgruppen etc. betroffen sein oder Personen, die ein bestimmtes Hobby ausüben. “Klischee” ist meiner Ansicht nach weniger negativ behaftet, aber ein Klischee beinhaltet auch ein Bild, das nicht stimmen muss.

Die Erklärung von Veral gefällt mir sehr gut. Auch ich empfinde hier den Begriff “Klischee” als sehr gute Wahl. Es gibt aber auch den - mehr oder weniger sinnvollen - Begriff “positives Vorurteil”, wobei sich dessen Bedeutung meiner Meinung nach mit der Bedeutung von “Klischee” deckt. Ein positives Vorurteil wäre z. B., davon auszugehen, dass alle Japaner immer freundlich sind, alle Deutschen immer fleißig und Engländer allesamt Gentlemen.

Im Duden wird “Vorurteil” sehr anschaulich wie folgt definiert:

(…) ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene, meist von feindseligen Gefühlen gegen jemanden oder etwas geprägte Meinung (…).