Gibt es viele neugierige deutsche?

Gestern als ich meine Straße entlang ging, sah ich einen Mann, der an jedem Haus sich aufhielte, schaute und ging dann weiter. Ich sagte es dann später einer englischen Freundin, dass ich mir Sorgen machte, ob er vielleicht ein Dieb war. Dann sagte sie etwas, das mich erstaunte „kann sein, aber das Problem ist die deutsche sind immer so ein wenig neugierig. Man weiß dann nie„.

Stimmt das?

Die Frage ist sicherlich nicht ganz so einfach zu beantworten. Ich bin zwar Deutscher, glaube aber nicht, dass wir neugieriger sind als andere Menschen in anderen Ländern. Andererseits halte ich ein erträgliches Maß an Neugierde für wichtig für mich und meine Mitmenschen. Erleichternd stelle ich aber fest, dass es über uns Deutsche ebenso Vorurteile gibt. Schön ist zu sehen, dass auch Menschen aus anderen Ländern nicht frei von Vorurteilen sind.

was bedeutet Vorurteilen? Heißt dies nicht, das sie verurteilt bevor sie selber Erfahrungen gemacht hat? Wenn ja, hat sie ja schon eine Erfahrungsgrundlage, nämlich ihre eigene Landsleute und die deutschen. Sie meint die Britten sind nicht so neugierig wie die deutsche. Ich glaube, man kann gut beobachten, was die Unterschiede sind, wenn man in einem anderen Land gewohnt hat, oder?

Neugier – lateinisch novarum rerum cupidus in der Bedeutung auf Neues begierig – ist das als ein Reiz auftretende Verlangen, Neues zu erfahren und insbesondere Verborgenes kennenzulernen. Neugier kann ausgerichtet sein auf permanent wechselnde Ereignisse, um dadurch eine Lust an Sensationen befriedigen zu können. Bei dieser Begriffsvariante sind emotionale und motivierende Anteile hoch. Ist die Neugier auf ein Interesse an Wissen ausgerichtet, stehen forschungs- oder verstandesmäßige Anteile im Vordergrund. Diese Form der Neugier wird auch Wissbegierde genannt (historisch Philomathie von gr. philomathía). Soviel seitens Wikipedia zur Neugierde.
Neugierde ist also erst einmal nichts negatives. Wenn es um den emotionalen Anteil der Neugierde geht kann ich den Unterschied zwischen Deutschen und Engländern nicht wirklich erkennen - oder warum haben während der letzten royalen Hochzeit tausende von Menschen die Straßen in London gesäumt - zugegeben, nicht nur Engländer, aber eben auch. Wo liegt die Grenze zwischen Neugierde und Interesse? Wenn in meiner Nachbarschaft ein mir fremder Mensch um die Häuser schleicht spreche ich ihn an - teils aus Interesse, teils aus Höflichkeit. Entweder es handelt sich tatsächlich um jemanden, der einen Einbruch vorbereitet oder aber, was in meinen Augen wahrscheinlicher ist, um jemanden, der einfach nur etwas oder jemanden sucht. Es ist meiner Ansicht nach weniger Neugierde als mehr Höflichkeit diesen Menschen zu fragen, ob ich ihm helfen kann. Sensationslust gibt es hier wie in England und in anderen Ländern der Erde. Aus beruflichen Gründen reise ich viel in Europa herum und habe noch keinen Unterschied hinsichtlich Neugierde zwischen Deutschen und anderen Europäern gesehen. Das ist auch gut so, immerhin hat uns Menschen genau diese Neugierde dahin gebracht, wo wir sind - mit allen schlechten, aber auch guten Eigenschaften und Erkenntnissen.

Marianne10, fast hätte ich vergessen deine letzte Frage zu beantworten. Wenn ich aufgrund von Erfahrungen, die ich mit wenigen oder auch einigen Menschen gemacht habe auf ein ganzes Volk schließe, halte ich dass für ein waschechtes Vorurteil. Und ich denke, genau so entstehen Vorurteile. Ich hoffe inständig, dass auch Engländer neugierig sind. Die, die ich kenne, sind es zumindest- und meine Stiefmutter ist immerhin Engländerin.

Meine Freundin hat das lachend gesagt. Sie meinte die Engländer hält sich eher mit privaten Fragen zurück. Ich glaube in der Familie ist es immer anders, aber es dauert bis ein Engländer sich öffnet Fremden gegenüber sagte sie. Da steht man nicht einfach da und beschaut das Haus des Nachbars so “hämmungslos” :slight_smile:

Blackydierennmaus + Marianne: Für mich ist es wirklich interessant, euer Gespräch zu lesen. Sagt also erst mal: Was sind einige der allgemeinen Stereotype, die in den Köpfen der Europäer in Bezug auf Deutsche stecken? Ich habe mal gelesen, in Europa werden Deutsche schon siebzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg für laut und hässlich gehalten. Und dann gibt’s noch diese ganzen Vorbilder von den individuellen deutschen Regionen–die Bayern sollen freundlich und sorgenfrei sein, während die Norddeutschen als stocksteif bezeichnet werden. Und all das ganz zu schweigen von dem ganzen “Schaffe, schaffe, häusle baue” von den Schwaben :slight_smile:

Marianne: Welche Stereotype bzw. Vorurteile Deutschen gegenüber hast du in Schweden empfunden?

Blackydierennmaus: Wie verstehst du all das persönlich als Deutscher? Ich weiß, das ist eine sehr subjektive Frage und frage eben darum nur um die eigene Meinung.

@Marianne - ich denke, die Grenze zwischen Erfahrung mit Menschen aus anderen Ländern machen und eine verallgemeinernde Aussage über Land und Leute zu treffen ist eher fließend. Ich war schon öfters in England und bin von mir fremden interessierten Engländern “ausgefragt” worden. Empfand ich überhaupt nicht schlimm, eher sogar respektvoll. Ich persönlich kenne wenige deutsche Landsleute, die hemmungslos Häuser ihrer Mitmenschen anschauen. Andererseits habe ich mir die wirklich wunderschönen Häuser in London interessiert und intensiv angeschaut. Dabei waren auch viele Privathäuser, also nicht nur historische Gebäude. Bestimmte Wesenszüge von Menschen würde ich nicht unbedingt ihrer Herkunft zuordnen, andere sicherlich schon. Das hat aber dann mit kulturellen Hintergründen, Erziehung und gesellschaftlicher Integration zu tun. Der Beruf spielt da sicherlich auch eine große Rolle.
Viele meiner Chefs sind Amerikaner, die ich als sehr oberflächlich kennengelernt habe. Auf die Frage “how are you” will man keine Antwort hören. Das ist für mich zwar ungewöhnlich unhöflich, deshalb schließe ich aber nicht auf alle Amerikaner als unhöfliche Menschen. Es gibt ein deutsches Sprichwort das da heißt " wie man in den Wald herein ruft, so schallt es auch wieder heraus". Das spiegelt auch meine Erfahrungen in der Welt wider.
@ newgroove23 - grundsätzlich mag ich es nicht, wenn über Dinge geurteilt wird, die niemand wirklich wissen kann. Dazu gehören auch Standardmeinungen über anderer Völker - die Franzosen weigern sich Englisch zu sprechen, die Deutschen sind hässlich und humorlos, die Südländer sind alle laut und nehmen das Leben nicht so ernst, die Polen sind faul, die Österreicher sind falsch … Ich zumindest bin bislang in jedem Land, in dem ich gewesen bin, freundlich und respektvoll behandelt worden. Mir sind sie alle gleich lieb.
Ich weiß, dass wir Deutschen im Fernsehen größtenteils falsch beschrieben werden. Also gehe ich davon aus, daß dieses für andere Länder auch zutrifft und ich nicht vom TV auf die Menschen schließen kann. Das gleiche gilt für einen Großteil der News. Wer bei Aktionen dabei gewesen ist, die dann später im Fernsehen berichtet wurden weiß, dass entweder das Fernsehen oder man selber auf einer anderen Veranstaltung gewesen ist. Daher hat Marianne Recht - nur durch eigene Erfahrungen kann man Menschen kennen lernen. Und ja: ich finde die Tschechen und die Polen unheimlich nett, mit Franzosen kann ich mich toll unterhalten - auch in Englisch, die Südeuropäer können auch ernst sein und die Holländer können Fußball spielen (ausser natürlich, sie spielen gegen die Deutsche Nationalmannschaft).

Also ich glaube, es gibt neugierige und weniger neugierige Deutsche und genauso ist es sicher auch in anderen Ländern.

Was sich vielleicht unterscheidet ist, wieweit man sein Interesse öffentlich zeigt. Das ist einfach kulturell verschieden, was als normales Verhalten akzeptiert wird und was als zu neugierig gilt.

Wenn jemand gar nicht neugierig erscheint, könnte man auch denken, er ist desinteressiert. Ich kann mir vorstellen, dass in einigen Kulturen das dann so ausgelegt wird.

Ich selber lebe in einem kleinen Dorf und hier gibt es auch Leute, die sehr neugierig. Wir haben früher in der Dorfmitte gewohnt und da habe ich das schon als störend empfunden. Früher haben die Menschen in kleinen Dörfern aber auch mehr auf einander geachtet und da konnte es nicht passieren, dass jemand tage-, wochen- oder gar monatelang unbemerkt tot in seiner Wohnung liegt, wie es manchmal in den Zeitungen zu lesen ist.

Ich finde es schade, wenn man Menschen in Schubladen steckt. Aber zu lernen, was in bestimmten Kulturen üblich ist, gehört für mich zum Sprachen lernen dazu. Beispielsweise die Bisou in Frankreich. Das muss man einfach wissen :wink:

ad blackdierennmaus: (…) die Österreicher sind falsch (…)

Wow, dieses Vorurteil kannte ich noch gar nicht :wink:

Ich finde alle deine Beiträge zu diesem Thema wohl durchdacht und brillant formuliert und ich stimme ihnen auch inhaltlich voll zu. Ich habe mehr als 40 Länder bereist (beruflich und privat) und überall sehr nette und offene Menschen getroffen. Manchmal gab es auch unangenehme Erfahrungen, die auch dazu geführt haben, dass ich mich in einem Land weniger wohl als in anderen Ländern gefühlt habe. Auch wenn man nie verallgemeinern kann bzw. sollte, so glaube ich doch, dass es so etwas wie eine Grundstimmung in einer Gesellschaft gibt. Ich habe beispielsweise in England eine sehr feindselige Stimmung Ausländern gegenüber erlebt und zwar auf sehr persönliche Art, ohne jetzt auf Details eingehen zu wollen. Trotzdem würde ich jetzt niemals alle Engländer als fremdenfeindlich einstufen oder mich gar einem Engländer gegenüber feindselig verhalten, nur weil ich mit einigen ein paar sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe. Außerdem habe ich auch zahlreiche positive Erfahrungen in England gemacht.

Ich sehe in jedem Menschen, dem ich zum ersten Mal begegne, eine Chance, einen interessanten zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen, aus dem sich unter Umständen eine tiefere Beziehung bis hin zu einer echten Freundschaft ergeben kann. Vieles kann man sicher auch dadurch steuern, dass man sich selbst anderen gegenüber respektvoll verhält. Auf diese Weise lassen sich sehr viele - wenn auch nicht alle - potentiellen negativen Erlebnisse vermeiden.

Im Übrigen sehe ich mir auch gerne Privathäuser an. Da kann es auch schon einmal vorkommen, dass ich die Besitzer anspreche und ihnen zu ihrem schön gepflegten Garten gratuliere oder ihnen einfach sage, wie schön ich ihr Haus finde. Das ist in Österreich nicht ungewöhnlich. Auf Grund gewisser Entwicklungen in letzter Zeit (steigende Anzahl von Einbrüchen in Wohnhäuser durch organisierte Banden) sind die Leute aber schon etwas skeptischer geworden, wenn jemand, den sie nicht kennen, ihr Haus längere Zeit unter die Lupe nimmt. Aber ein interessierter Blick ist zum Glück noch immer problemlos möglich.

@Robert: “…Auch wenn man nie verallgemeinern kann bzw. sollte, so glaube ich doch, dass es so etwas wie eine Grundstimmung in einer Gesellschaft gibt. Ich habe beispielsweise in England eine sehr feindselige Stimmung Ausländern gegenüber erlebt und zwar auf sehr persönliche Art, ohne jetzt auf Details eingehen zu wollen.”

Komm, erzähl uns mal, Robert: was ist dir denn passiert? Hat man dich wirklich übel beschimpft oder schlecht behandelt, nur weil du Österreicher bist? (Wenn ja, dann hat man sich wohl gesetzwidrig verhalten, und du hättest die Sache vielleicht lieber bei der britischen Kripo anzeigen sollen?)

Andererseits, vielleicht handelt es sich eher um ein paar blöde Witze, oder so…?? (Ich weiß, zum Beispiel, es gibt jede Menge Witze über den zweiten Weltkrieg, die zwar dumm sind, aber nicht wirklich übel gemeint…)


@Robert: “…Trotzdem würde ich jetzt niemals alle Engländer als fremdenfeindlich einstufen oder mich gar einem Engländer gegenüber feindselig verhalten, nur weil ich mit einigen ein paar sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe. Außerdem habe ich auch zahlreiche positive Erfahrungen in England gemacht.”

Ich bin natürlich froh, dass du uns nicht ALLE als Arschlöcher einstufst! Und ich bin vor allen Dingen sehr froh, dass du zumindest die eine oder die andere positive Erfahrung bei uns gemacht hast. :smiley:

Ich bin mir ziemlich sicher, es sind nur die wenigsten Engländer, die sich wirklich feindselig verhalten fremden Leuten gegenüber. Es ist sehr bedauerlich, wenn du während eines beruflichen oder privaten Aufenthalt in England mit solchen Menschen zu tun gehabt hast. Aber es war grundsätzlich nur dein Pech, und von einer “Grundstimmung” kann hier meiner Meinung nach keine Rede sein, denn dies müsste wohl heißen, die Engländer seien allgemein ausländerfeindlich – was sicherlich nicht der Fall ist!

ad JayB: (…) Komm, erzähl uns mal, Robert: was ist dir denn passiert? Hat man dich wirklich übel beschimpft oder schlecht behandelt, nur weil du Österreicher bist? (Wenn ja, dann hat man sich wohl gesetzwidrig verhalten, und du hättest die Sache vielleicht lieber bei der britischen Kripo anzeigen sollen?) (…)

Also, wenn du es wirklich so genau wissen willst, es ging um beinahe tägliche Überfälle auf Sprachstudenten. Diese Überfälle wurden von lokalen Jugendbanden durchgeführt (in etwa im Stile jener Gruppen, die man bei den Unruhen in London gesehen hat). Natürlich wurden diese Vorfälle auch bei der Polizei angezeigt, die uns - genauso wie die Leitung der Sprachschule, bei der ich damals einen Sommerkurs belegt hatte - riet, kein Deutsch auf den Straßen zu sprechen, weil wir dann leichte “Beute” für diese Gruppen wären. Außerdem sollten wir ihnen einfach unser Geld aushändigen, die Schulleitung würde uns das Geld dann zurückerstatten.

Ich persönlich bin als “fucking foreigner” beschimpft und manchmal auch bespuckt worden. Ein deutscher Kursteilnehmer hatte weitaus weniger Glück. Er wurde ausgeraubt und erstochen und zwar während einer Schlägerei, die von einer Gruppe von skinheads angezettelt wurde. Wenn wir in eine Disco wollten, ließ man uns ausländische Sprachschüler erst hinein, nachdem die englischen Jungendlichen auf der anderen Seite hinausgegangen waren - um Streit zu vermeiden.

All das geschah 1986. Ich gebe zu, dass ich danach 20 Jahre nicht mehr in England war. Ich vermied die ersten Jahre sogar, mit British Airways zu fliegen. Das war aber eher eine psychologische Geschichte, weil mich der Tod des deutschen Studenten schon sehr mitgenommen hatte.

NATÜRLICH habe ich auch viele nette Engländer kennen gelernt. Auch meine Gastfamilie war sehr nett und hilfsbereit. Das Ganze ist aber dennoch wohl ein gesellschaftliches Problem. Ich habe in keinem anderen Land, in dem ich als Jugendlicher an Sprachkursen teilgenommen habe, ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich war übrigens in einer relativ kleinen Stadt im Süden (Eastbourne).

2006 bin ich auf Einladung einer Freundin, die seit vielen Jahren in England lebt, wieder nach Eastbourne gefahren, zugegebenermaßen mit gemischten Gefühlen. Diesmal waren meine Erfahrungen ganz anders. Da ich offenbar als Erwachsener nicht mehr in das Beuteschema dieser Schlägertruppen passte, verbrachte ich eine sehr angenehme Woche in Eastbourne. Auch der anschleßende Aufenthalt in London war wunderbar. Besonders die Freundlichkeit des Personals bei den Bahnschaltern oder in den Geschäften und Restaurants hat mich sehr beeindruckt. Ich hatte mich auch nie vor einer Reise nach England gefürchtet, es war mir einfach “zuwider” dorthin zurückzukehren, wo ich so schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Ich glaube, dass das eine durchaus menschliche, wenngleich auch vielleicht nicht immer faire oder logische Reaktion ist.

Leider scheint das Problem, das ich damals als Jugendlicher hatte, noch immer zu bestehen. Meine Bekannte arbeitet als Krankenschwester in der Notaufnahme und sie erzählte mir, dass sie im Sommer tagtäglich mit den Opfern solcher Übergriffe konfrontiert ist. Ich habe 2006 auch einige Zeitungsartikel zu diesem Thema gelesen, mit den üblichen Argumenten. Manche führten die Übergriffe auf die vermeintlich viel zu hohe Anzahl an ausländischen Schülern im Sommer zurück, andere meinten, für die örtlichen Jugendlichen sei das zu einer Art Freizeitbeschäftigung geworden bzw. sei es für sie eine bequeme Art, ihr Taschengeld aufzubessern. In der Zwischenzeit hatten sogar Geschäftsleute Aufkleber auf ihren Geschäften, um ausländischen Schülern zu signalisieren, dass sie bei ihnen Zuflucht suchen können, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Es ist also nicht so, als ob ich mir das alles nur einbilden würde. Weil viele ausländische Schüler nicht so gut Englisch sprechen bzw. Scheu davor haben, solche Vorfälle anzuzeigen, kommen die meisten Täter relativ ungeschoren davon.

Es ist ja auch nicht so, dass dort tagtäglich Leute erstochen werden, aber eine feindselige Stimmung habe ich damals durchaus empfunden. Viele Leute, die als Erwachsene England bereisen, konnten diesen Eindruck nicht bestätigen und auch ich habe bei meiner zweiten Reise in England durchwegs positive Erfahrungen gemacht, bis auf den Umstand, dass laut den damaligen Zeitungsberichten das von mir erwähnte Problem wohl noch immer besteht.

(…) von einer “Grundstimmung” kann hier meiner Meinung nach keine Rede sein, denn dies müsste wohl heißen, die Engländer seien allgemein ausländerfeindlich – was sicherlich nicht der Fall ist! (…)

Wenn ich von einer Grundstimmung spreche, gehe ich nicht davon aus, dass das bedeutet, dass alle Menschen sich in einer bestimmten Weise verhalten, sondern, dass dies ein beträchtlicher Anteil von ihnen tut. Zu meinem großen Bedauern muss ich sagen, dass meiner Meinung nach auch in Österreich eine fremdenfeindliche Grundstimmung herrscht. Das heißt natürlich nicht, dass alle Österreicher ausländerfeindlich sind. Aber es wird dem Fremden - sofern er kein betuchter Tourist ist - in vielen Fällen zunächst einmal mit Skepsis und manchmal mit offener Ablehnung begegnet.

Österreich hat zwar im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern glücklicherweise relativ wenige fremdenfeindliche Gewalttaten (zumindest laut EUROSTAT und dem letzten Bericht, den ich bei einer Veranstaltung der OSZE gedolmetscht habe), obwohl wir z. B. einen wesentlich höheren Anteil an hier lebenden Ausländern haben als Deutschland, Frankreich, aber auch England, trotzdem stößt man in Medien und auch im Alltag immer wieder auf offene Feindseligkeit. Glücklicherweise gibt es auch unzählige Beispiele dafür, dass Ausländern mit viel Sympathie begegnet wird. Es ist wohl nirgends wirklich nur alles schwarz oder weiß, gut oder böse.

Mir geht es auch nicht darum, irgendein Land in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. Ich habe in meinem vorhergehenden Eintrag auch betont, dass es sich um persönliche Erfahrungen handelt und diese oftmals auch nur Momentaufnahmen darstellen. Dennoch gebe ich offen zu, dass ich mich in manchen Ländern einfach wohler fühle als in anderen. Was mich an meinen Erfahrungen in England damals so schockiert hat, war nicht so sehr der Umstand, dass ich vielleicht überfallen werden könnte (das ist mir in Südamerika viel öfters passiert und trotzdem fühle ich mich dort wohler), sondern, dass ich allein auf Grund der Tatsache, dass ich Ausländer war, zum Zielobjekt dieser Leute geworden bin und das finde ich einfach sehr traurig.

Dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit keineswegs auf ein Land beschränkt sind, sondern ein Übel sind, das man überall finden kann, steht außer Zweifel.

Trotzdem möchte ich auch festhalten, dass ich bei all meinen Reisen WEITAUS mehr positive als negative Erlebnisse hatte. So etwas wie in England habe ich aber in der Tat nur dort erlebt. Das mag Zufall sein, ist aber nun einmal so. Und, wie gesagt, ich habe meine Erlebnisse auch nicht zum Anlass genommen, gegen England oder Engländer zu hetzen. Schließlich habe ich mich ja auch trotz dieser Erfahrungen dazu entschlossen, Englisch zu studieren und viele meiner Kollegen, mit denen ich heute arbeite, sind Engländer. Ich habe da nicht die geringsten Berührungsängste. Dass ich das von mir Erlebte aber nicht vergessen werde, steht auf einem anderen Blatt.

Mir ist auch bewusst, dass meine Sichtweise sehr subjektiv ist. Darum bin ich auch froh darüber, wenn ich durch Diskussionen wie diese die Möglichkeit erhalte, manche meiner Meinungen zu hinterfragen.
Obwohl ich seit 2006 nicht mehr in England war, werde ich wohl wieder einmal dorthin reisen. Auf einen Sprachkurs würde ich aber meine Neffen und Nichten auf Grund des von mir beschriebenen Phänomens nie dorthin schicken - da schicke ich sie lieber nach Kanada.

Dabei ist mir schon klar, dass jährlich wahrscheinlich tausende, wenn nicht zigtausende Schüler einen Sprachkurs in England absolvieren, von dem sie mit vielen schönen und ungetrübten Erinnerungen zurückkehren. Letztendlich muss aber jeder für sich selbst entscheiden, wo und wann er sich wohl fühlt und wo nicht.

Also, nichts für ungut und auf weitere interessante Gespräche und Diskussionen in diesem Forum :slight_smile:

That’s the kind of incidents I was referring to:
(…)
Guidelines aimed at protecting foreign students in Eastbourne from attack will include a voluntary night-time curfew.

The council said 15,000 overseas students visited the town each year and the code would increase their safety.

Police said it would “reduce incidents involving overseas students”, and the support of language schools in the East Sussex town was needed…

…Eastbourne Borough Council leader Councillor Ian Lucas said foreign students were “great for our local economy”.

He said: “This is about increasing their safety whilst here, and thereby securing this vital contribution to our economy for the long term.”

A spokesman for Sussex Police said: "We are determined to reduce incidents involving overseas students…

…In other towns in the South East, language schools have reported “dozens of attacks” on students.

In June, a 16-year-old English language student from Germany was racially abused in Margate and attacked with a metal stick.

He was left needing stitches to his head.

http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/e...es/5233870.stm

(…)

The post is not really new but it reflects what I was trying to explain. Again, I’m sure that in England, Austria and many other countries the vast majority of people treat others with respect, including foreigners, of course. We should try to concentrate more on the good and less on the bad, without ignoring certain facts of life, however.

Hoppala, da habe ich den letzten Eintrag glatt auf Englisch geschrieben. Hoffentlich bekomme ich dafür vom Administrator nicht eine auf den Kopf :wink: Ich verspreche Besserung.

Der Link, zu dem BBC-Artikel funktioniert nicht mehr. Daher ein anderer Link, der hoffentlich erklärt, was ich meine (sonst glaubst du noch, ich hätte mir das selbst aus den Fingern gesogen :wink:

(…)
Foreign students are targeted by muggers, thugs and racists at a rate of 13 a week, shock new figures have revealed.

Thousands of young students from all over the world come to Sussex every year to improve their English at the county’s numerous language schools.

But a darker side of their experience has emerged after it was revealed there were 648 offences against 666 foreign students reported to police last year.

The crimes range from the theft of mobile phones and bags to violent beatings and sexual assaults.

The news has sparked fears the economy in towns such as Eastbourne and Worthing could be hit if foreign students decide to go elsewhere for their education.

Last year, police launched crackdowns in Worthing and Lancing following attacks on foreign students and officers carried out a similar operation in Eastbourne as attacks on young foreigners rocketed.

(…)

Link: Thugs preying on foreign students | The Argus

Aber wie gesagt, wir sollten uns auf das Positive konzentrieren. Ich wollte einfach nur klarstellen, dass es nicht um ein paar blöde Witze geht, sondern, dass es sich hier um ein ernstzunehmendes Problem handelt, das offenbar noch immer existiert. Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2007, also 21 Jahre nach meinen eigenen Erlebnissen.

@Robert

Es tut mir wirklich Leid, dass du ein so furchtbares Erlebnis in England hattest. Unter den Umständen finde ich es durchaus verständlich, dass du absolut keine Lust hast, dorthin zu fahren - geschweige denn, deine jungen Verwandten dorthin zu schicken! (Ich würde es an deiner Stelle wohl auch nicht tun!)

Dennoch finde ich diese Beschreibungen von Eastbourne ziemlich erstaunlich.

Gut, vielleicht ist “erstaunlich” nicht das richtige Wort? Ich will jetzt NICHT damit andeuten, dass ich es nicht glaube, oder so. Doch ich kenne Eastbourne selber ein kleines bisschen, weil ich eine Zeit lang in Lewes gewohnt habe - eine stadt, die nicht sehr weit von Eastbourne entfernt ist. Als ich deinen Beitrag gelesen habe, kam es mir quasi vor, als würdest du ein Kriegsgebiet beschreiben! Dabei erinnere ich mich an Eastbourne als einen relativ ruhigen und friedlichen Ort. Ich kann mir also wirklich nur vorstellen, du bist einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von gewalttätigen Verbrechern zum Opfer gefallen.

Wohl stimmt es, dass der Freund von dir (der arme Kerl, der umgebracht wurde) gezielt ausgesucht und angegriffen wurde, weil er Ausländer war. Leute, die so etwas tun, sind einfach totaler Abschaum. Es tut mir wirklich Leid, dass so etwas passierte. (Ich persönlich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn solche Täter die Todesstrafe bekommen würden…)

Was wir nicht vergessen dürfen: man findet leider eine kleine Anzahl von beschissenen und kriminellen Menschen in jedem Land. (Im übrigen auch in Kanada!)

My 14 year old daughter had also quite unpleasant experiences with locals while learning English in Eastbourne in 1995… But that can also happen in Germany or elsewhere.

@Hape

Eastbourne, Worthing, Brighton, Bournemouth - dort gibt es offensichtlich ein Problem.

(Ich wette aber, dass so etwas in Exeter oder Cambridge nicht sehr häufig vorkommt…)

@JayB

Es scheint in Eastbourne keine extreme Ausnahme zu sein, siehe auch hier:
http://reisen.ciao.de/Eastbourne__Test_3003712
unter dem Abschnitt “Die “Gastfreundlichkeit”, bzw. die Jugendlichen aus Eastbourne”.

Schade.

Danke für die vielen Informationen und Anregungen hier. Meine Tochter lernt auch Englisch und ein Austausch könnte da durchaus auch mal anstehen, aber anscheinend muss man sich vorher wirklich gut über die Situation vor Ort informieren.

Aber wie Hape schon gesagt hat, je nachdem wo man ist, kann einem das in jedem Land passieren. Ich würde das doch ungern an der Nationalität festmachen wollen, sondern es differenzierter sehen.

Ich war bisher nur in London und von dieser Reise kann ich nichts Schlechtes berichten.