Afrikaner, Asiaten und doch auch Österreicher - Globalisierung abseits von Aktienmärkten

Vor ein paar Tagen habe ich auf einem Bahnhof in der Nähe von Graz (der zweitgrößten Stadt Österreichs, die ungefähr 40 km nördlich meiner Heimatstadt liegt) auf den nächsten Zug nach Hause gewartet. Plötzlich sah ich einen jungen Burschen die Treppe heraufkommen. Er war vielleicht so um die 14, 15 Jahre alt und zog einen kleinen Koffer hinter sich her. Ich hatte mich gerade auf eine Wartebank gesetzt und begonnen, mir ein paar chinesische Dialoge über meinen Ipod anzuhören.

Da außer mir und dem Burschen sonst niemand mehr auf dem Bahnsteig war, hatte ich genug Gelegenheit, ihn (hoffentlich) unauffällig näher zu beobachten. Ich muss dazu sagen, dass ich von Natur aus ein neugieriger, aber hoffentlich nicht aufdringlicher Mensch bin.

Offensichtlich kam der Bursche aus Afrika - so zumindest meine Annahme. Da dachte ich mir, ich könnte ihm ja helfen, falls er sich hier nicht auskennt und hatte mich schon darauf vorbereitet, mich mit ihm im Bedarfsfall auf Englisch oder Französisch zu unterhalten. Plötzlich taucht ein Päärchen auf. Eine afrikanische Frau und - wie sich später herausstellte - ihr österreichischer Mann. Die beiden begannen, sich mit dem Burschen zu unterhalten - und zwar in bestem Österreichisch :slight_smile:

Dieses Erlebnis hat mich schmunzeln lassen, bin ich doch alleine auf Grund der Hautfarbe des Burschen davon ausgegangen, dass er nicht Deutsch spricht. Das geschah nicht in böser Absicht, sondern ist wohl darauf zurückzuführen, dass ich mich noch immer nicht ganz daran gewöhnt habe, dass unsere Gesellschaft viel facettenreicher geworden ist.

Ein ähnlicher Fall geschah vor ca. einem Monat, als ich einem vermeintlich hilflosen jungen Asiaten helfen wollte, von dem ich dachte, er hätte sich verlaufen. In Wirklichkeit hatte er nur nach seinen Freunden Ausschau gehalten, die auch ein paar Minuten später eintrafen. Allesamt haben sich dann wiederum in sehr bodenständigem Österreichisch unterhalten :slight_smile:

Wenn ich solche Situationen sehe, in denen das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft offensichtlich recht reibungslos funktioniert, dann macht mir das Hoffnung und hilft ein wenig über den Frust hinweg, den ich verspüre, wenn ich die altbekannten nationalistischen und zum Teil rassistischen Plattitüden auf Wahlplakaten oder in Zeitungen sehe bzw. irgendwo in der Straßenbahn oder im Bus höre.

Bei näherer Betrachtung ist es zum Glück in vielen Bereichen um unsere Gesellschaft besser bestellt als wir das manchmal vermuten würden. Wenn ich dann auch noch sehe, wie viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters sich auf Plattformen wie lingq tummeln, um mehr voneinander und übereinander zu erfahren und andere Sprachen zu lernen, dann stimmt mich das zumindest ein wenig hoffnungsvoller für die Zukunft, die zweifelsohne keine einfache sein wird (aber das war die Vergangenheit wohl auch nicht).

Dass ein so kleines Land wie Österreich in der Zwischenzeit so international geworden ist, empfinde ich als absolute Bereicherung. Ich für meinen Teil habe auch immer wieder festgestellt, dass gerade die Begegnung mit Fremden mein Interesse an den eigenen Wurzeln gestärkt hat. Sind es doch oft meine ausländischen Freunde und Bekannten, die mehr über Österreich und seine Geschichte wissen wollen und das finde ich sehr schön. Im Gegenzug lerne ich auch sehr viel über ihre ursprüngliche Heimat.

Da ich zwei ausländische Schwägerinnen habe, die aus unterschiedlichen Kulturkreisen (Europa und Lateinamerika) stammen, ist dieser gegenseitige kulturelle Austausch auch in unserem alltäglichen Familienleben angelangt und das ist immer wieder aufs Neue eine besonders spannende Erfahrung.

Neben all den negativen Nachrichten in Zusammenhang mit Fremden, Einwanderung und Multi-Kulti - einem Begriff, der im deutschen Sprachgebrauch schon fast zu einem Unwort geworden ist - sind solche Erlebnisse meiner Meinung nach eine schöne Abwechslung.

Was immer die Globalisierung an Negativem hervorgebracht haben mag, die kulturelle Vielfalt, wenn sie denn als solche auch gelebt und nicht nur plakativ heraufbeschworen wird, ist sicherlich ein positiver Effekt. In diesem Sinne freue ich mich auf viele weitere spannende Begegnungen mit dem Fremden an sich, um so auch vielleicht wieder etwas mehr über mich selbst zu erfahren.

Ich finde deine Beobachtungsgabe interessant. Die Tatsache, dass man jemand sieht, den man denkt von der Hautfarbe oder Kleidung oder ähnliches ist gleich Ausländer ist auch interessant. Dies wird sich ändern. Zum Beispiel sehe ich überall in Europa Chinesen. Sie sprechen meistens auch English oder die Landessprache, wo sie gerade sind. Denn gerade die Leute, die nicht offen für eine andere Sprache wären, werden wahrscheinlich dort bleiben wo sie sind, oder?